Tanzen
-die Erschliessung neuer Kommunikationsräume ...

(von Matthias Govinda)

Tanzen ist Schwingung - eine der Grundformen, in der sich alles Leben auf dieser Erde Ausdruck gibt. Alle Lebewesen tanzen und jedes auf seine Art. Grundlage tanzender Bewegung ist eine Bewegungsstruktur, die z.B. auf Basis von einem Rhythmus entstehen kann. Tanzen kann einen hohen Grad an Struktur und Form aufweisen - oder auch einen sehr niedrigen. Um beim Tanz menschlicher Wesen zu bleiben - Gesellschaftstänze haben meist einen hohen Grad an Struktur im Gegensatz zum “Freestyle”, bei dem es kein vorgegebenes Bewegungsrepertoire gibt. Manche Tänze haben thematische Schwerpunkte. Andere haben ihren Fokus auf einem spezifischen Energiezentrum. So steht beim Tango eher die Energie des 4. Chakras, also des Herzens, im Vordergrund, während karibische Tänze wie Salsa oder Merengue ihr Zentrum bei der Sexualenergie im Beckenbereich haben.

Tanz ist eine Sprache. Und wie jede Sprache erlernbar ist, ist dies auch mit jedem Tanz möglich. Zum einen auf dem Wege, den eigenen Körper zu kennen und immer besser kennen zu lernen. Zum anderen über das Erlernen der Technik eines Tanzes wie z.B. Tango, Salsa oder irgendeines anderen Paar- oder Gruppentanzes.

Je strukturierter ein Tanz, um so relativ gesehen “einfacher” ist dieser zu erlernen, da eine bestehende Form vorhanden ist, in die ich mich tanzend einfügen und die ich als Grundlage zur “tänzerischen” Kommunikation nutzen kann. Denn im Tanz habe ich ausser bei expliziten Paartänzen immer die Option, entweder bei mir selber zu bleiben oder aber in Kontakt mit anderen Lebewesen zu treten. Vorgegebene Strukturen sind bei einer Kontaktaufnahme unterstützend und hilfreich. Auf der Basis unstrukturierter Tänze in Kontakt zu gehen hat einen hohen Schwierigkeitsgrad und setzt ein hohes Bewusstsein von sich selber als auch eine geschulte Wahrnehmung des Gegenübers voraus. Eine zu starke Gewichtung von Struktur und Technik kann dazu führen, dass Tanzen unlebendig wird, da zwar eine bewegte Form vorhanden ist, die allerdings nicht mit Leben gefüllt ist.

Tanzen kann Medium zur Selbsterkenntnis und Kommunikation sein. Dafür minimieren alle Tänze die normalen Kontrollmechanismen, also die rationale und auch vísuelle Steuerung. Im Idealfall werden diese auf null reduziert. Tanzen fordert die Intelligenz des Bauches und reduziert die Kontrolle der Handlungen durch den Verstand. Das bedeutet nicht, dass der Kopf nicht mehr präsent wäre. Ihm wird nur die Entscheiderfunktion genommen, die dieser üblicherweise im Alltag innehat.

Das Entscheiden aus dem Bauch heraus beginnt schon bei der Partnerwahl. Wird diese vom Kopf her gesteuert, ist oftmals Langeweile oder Krampf vorprogrammiert. Das Erleben sowohl eines strukturierten als auch eines unstrukturierten gemeinsamen Tanzes wird um so intensiver, wenn ich nicht mit einer bestimmten Person tanzen WILL, weil ich mir dies z.B. vorgenommen habe, ich mich dazu verpflichtet fühle oder weil die Person mich optisch besonders anzieht. Spannend wird es, wenn ich den Impuls aus dem Bauch spüre und ihm folge. Das ist oftmals eine Entscheidung von Millisekunden. Diesem Impuls aus dem Bauch heraus zu folgen bevor sich der Kopf einschaltet lässt sich üben ...

Ich möchte im Folgenden den Schwerpunkt meiner Gedanken auf unstruktierte Tänze lenken. Wobei sich die Anregungen durchaus auch auf strukturierte Tänze beziehen lassen. Denn die Substanz aller Tänze ist immer die persönliche Grundeinstellung der tanzenden Person zu sich selber und zu den eigenen Ausdrucksmöglichkeiten im Tanz.

Bei Freestyle-Tanzveranstaltungen lässt sich gut beobachten, wie jede Person auf der Tanzfläche ihre eigene Sprache spricht. Ihre “Tanzsprache” eben. Der eine steht vielleicht auf der Tanzfläche und nickt rhytmisch mit dem Kopf, während auf der Basis der gleichen Musik eine anderen Person ekstatisch zuckend durch den Raum wirbelt. Und beide tanzen. Wenn die beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten miteinander tanzend kommunizieren wollten, müssten jeder erst einmal die “Tanzsprache” der anderen Person lernen. Das wird bei extremen “Tanzsprachdifferenzen” schwierig sein, denn um zu kommunizieren sind beide aufgefordert, die sich selber antrainierten Tanzsprachstrukturen loszulassen um sich “tanzsprachlich” der anderen Person anzunähern. Je mehr jemand zu dieser manchmal fast akrobatischen Leistung fähig ist, um so mehr Sprachen kann diese Person auf der Tanzfläche sprechen und mit um so mehr Individuen kann sie tanzend kommunizieren.

Jeder Tanz, ob alleine oder mit einer anderen Person, ob ein oder mehrere Musikstücke, ist ein kleines Ritual. Bei strukturierten Tänzen ist dies leichter nachzuvollziehen. Man fordert sich gegenseitig auf, tanzt ein oder mehrere Stückke miteinander, bedankt und verabschiedet sich. Bei unstrukturierten Tänzen ist der Rahmen oft schwerer zu finden, da er nicht von aussen vorgegeben wird, sondern gemeinsam “gesetzt” wird. Je bewusster ich hier in Kontakt gehe, um so bewusster kann ich mich auch wieder aus der entstandenen Verbindung mit der anderen Person lösen. Je mehr ich mir auch meiner Gefühle und Bedürfnisse im Klaren bin, die mich Kontakt gehen lassen, um so unbeschwerter wird der Kontakt. Bedürftigkeit und das Verfolgen einer Absicht engen ein, wenn ich in der anderen Person den potentiellen Erfüller selbiger sehe und mit dieser Haltung auf sie zugehe. Gefühle sind und bleiben aber Teil unserer selbst und sie wegzudrücken erfordert fast noch mehr Aufwand, als sie auf andere zu projezieren. (Wobei wir das “Wegdrücken” oftmals gar nicht mehr spüren, da es in unserem Leben zu einem Dauerzustand geworden ist.) Etwas anderes ist es, Bedürfnisse, Wünsche oder z.B. ein Gefühl wie z.B. Sehnsucht nach Nähe für sich selber zu spüren, ohne dabei den anderen zum potentiellen Erfüller zu machen. Das ist eine Chance. Und je mehr mein Partner offen und bereit ist, sich meine Gefühle anzusehen ohne sie erfüllen zu müssen, um so spannender wird die Begegnung. Tanzerische Kommunikation verlangt viel Sensibilität...

Um gemeinsam zu Tanzen spielt es keine Rolle, woher mein Partner kommt, was dieser sonst in seinem Leben tut, wie er heisst und was er morgen tun wird. Es gibt allein den Tanz, den Moment der Begegnung, kein gestern, kein danach, keine Visitenkarte und keine Absicht.

Oder aber ich setze mir bewusst ein Thema - z.B. "Partnersuche". Tanz kann durchaus Partnersuche sein und ich kann bewusst auf der Suche nach einem Partner für die Nacht oder vielleicht sogar für’s Leben in den Tanz gehen. Dabei bleibe ich allerdings mit meinem Fokus beim Thema “Partnersuche”. Das ist ein spannendes Thema, doch wie jedes von mir gesetzte Thema reduziert es gleichzeitig den Raum, der sich beim Tanzen entwickeln kann eben auf dieses Thema. Mit einem Ziel vor Augen reduziert sich die Chance zur Entfaltung des JETZT.

Im Tanz lässt sich der Moment erleben, das JETZT. Im JETZT gibt es keinen Gedanken an eine Fortsetzung des Tanzes. Was bedeutet offen zu bleiben, woraus sich eventuell ein neuer und anderen Tanz entwickeln kann - wie und wo auch immer ...

Eine Voraussetzung für intensives Erleben ist, die Grenzen des Gegenübers zu erspüren und zu respektieren. Es ist möglich den eigenen Raum (Bereitschaft) zu zeigen und dem Gegenüber anzubieten, sich in diesen Raum hineinzubegeben. Die eigene Sicherheit im Umgang mit sich selbst wirkt unterstützend. Aber Anbieten heisst nicht sich aufzudrängen. Hier gilt es einen feinen Unterschied zu erkennen und ebenso wenig sofort aufzugeben, wenn es keine Antwort zu geben scheint. Wenn es allerdings ein klares “nein” gibt, welches verbal, durch Abwenden oder Ausweichen signalisiert wird, ist dieses auch zu respektieren.

Tanzen ist Körpersprache pur und braucht keiner Worte. Die begleitende Kommunikation durch Worte kann auf ein Minimum reduziert werden. Das kann eine Entschuldigung sein, wenn man z.B. dem anderen aus Versehen auf den Fuss getreten ist. Oder auch ein spontan ins Ohr gehauchter liebevolle Zuwendung.

Ein paar weitere anregende Gedanken, die Tanzen zu einem einmaligen Erlebnis werden lassen:

  • Wenn es ein “ja” zum gemeinsamen Tanz gibt bedeutet dies nicht, für den Rest des Abends an diesem Partner kleben zu bleiben. Zu den Spielregeln gehört, sich gegenseitig immer wieder Raum zu geben.
  • Tanz ist spielerisch. Dabei ist es auch jederzeit möglich, Dritte in den Tanz zu integrieren. Tanzen kann eine Orgie werden ... Es ist alles erlaubt - Kratzen, Beissen, Küssen, Lecken, an den Haaren ziehen und insbesondere auch einfach NICHTS zu tun und nur bewegungslos Atmung und Puls in der Verschmelzung mit dem Körper des Gegenüber zu spüren, während die Musik und das Leben rings herum weitertoben. Beim Tanzen als einer Begegnung im Jetzt ist der Intensität der Verschmelzung keine Grenze gesetzt. Sie kann durchaus intensiver sein als das, was Du jemals in Deinem Leben erlebt hast.
  • Auch bei unstrukturierten Tänzen entstehen oftmals neue Bewegungsmuster. Diese gilt es zu erkennen und aufzulösen, da die Kommunikation im Tanzraum sonst in leere Floskeln ausartet.
  • Kommunikation im Tanz erfordert Training. Nicht allein Kommunikationstraining, sondern auch ganz einfach Körpertraining. Dies geschieht ausserhalb des Tanzraumes. Je mehr jemand den eigenen Körper kennt und ihn bewohnt, um so umfangreicher wird sein Repertoire an Kommunikationsmitteln, die in den Tanz eingebracht werden können.
  • Um in eine intensive Begegnung zu gehen ist Voraussetzung, sich von allem Mitgebrachten und emotionalen Belastungen freizumachen. Je weniger Ballast um so mehr Freiraum ist für das JETZT vorhanden.
  • Alkohol oder Drogen können hilfreich sein, sollten aber (wie auch bei anderen Wegen der Erkenntnis) auf ein Minimum begrenzt und sehr bewusst eingesetzt werden. Vielleicht unterstützt zum Beginn des Abends ein Glas Wein dabei, “aus dem Kopf zu kommen”. Ziel ist aber, irgendwann auf das Hilfsmittel verzichten zu können. Wenn das Loslassen beim Tanzen (oder auch in anderen Lebenssituationen) auf Dauer nur mit Hilfsmitteln erreicht werden kann ist es angesagt, sich auf anderen Wegen damit auseinanderzusetzen, was einen blockiert.
  • Bei jedem Tanz spinne ich (wie auch bei jeder anderen Begegnung mit einem Menschen) ein gemeinsames Netz energetischer Fäden. Es ist meine Aufgabe, mich darin nicht zu verfangen und mich wieder daraus zu lösen. Hierbei ist es z.B. unterstützend nach dem Tanz zu duschen oder die Kleidung zu wechseln. Dies kann auch hilfreich sein, wenn ich an einem Abend eine intensive Tanzbegegnung beende und weiter auf der Veranstaltung bleibe.

Tanzen ist Musik
Du wirst Musik
Musik beginnt, dich zu tanzen
Du gibst Dich der Musik
Die Musik führt Dich im Tanz zu anderen Wesen,
die sich wie Du von der Musik tanzen lassen ...
Im Kontakt entsteht ein gemeinsamer Rhythmus
Aus Einzelwesen entsteht ein neues Wesen, das Tanzwesen
Das Tanzwesen lebt für die Dauer des Tanzes ...
Es erlebt Geburt und Tod - wie jedes andere Wesen auch ...

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